Online-Challanges mit Gruselfaktor

In unserem letzten gehaltvollen Beitrag, befasste ich mich mit dem Thema selbstverletzendes Verhalten (SVV) von Kindern und Jugendlichen. Das sehr emotionale Thema griff ich auf, (nicht nur weil SVV relativ häufig in Deutschland verbreitet ist), weil es einige Online-Herausforderungen gibt die sehr gruselig sind. Damit meine ich vor allem die „Blue Whale Challenge“ (aus dem Jahr 2017!) und „Momo“.

Zur Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen gehört auch das Internet mit all seinen schönen und schrecklichen Möglichkeiten. (Auf den Bereich der Medienpädagogik möchte ich jetzt nicht eingehen, aber Leute! – ernsthaft, schaut was eure Kinder am mobilen Endgerät oder am PC machen und macht es mit ihnen zusammen!) Im Bereich des sozialen Lebens, spielen Facebook, Instagram, Snapchat und WhatsApp eine Rolle. Von den genannten Seiten wird häufig die Messenger Funktion genutzt. Außerdem können Gleichgesinnte in Foren, Gruppen oder unter gewissen #Hashtags gesammelte Beiträge finden und suchen. In den Gruppen geht es nicht immer um Haustiere oder die nächste Diät, sondern auch um Gefühle und Emotionen. Zu diesen können auch Suizidgedanken, SVV und Depressionen gehören. Vor allem wenn Eltern und Freunde als geeignete Gesprächspartner ausgeschlossen werden. Das Hinwenden zu fremden, anonymen Menschen birgt in solch einer emotionalen Lage besondere Gefahren.

Zur „Blue Whale Challenge“

Die Challenge ist schon etwas älter und zwar stammt sie aus dem Jahr 2017. Die ersten Meldungen gab es im April und zum Ende des Jahres. Also im November. Dann endlich halbwegs gesicherte Fakten. Bewusst schreibe ich erst jetzt darüber, denn es gab viel Hype um die Story und viele Unwahrheiten wurden verbreitet. Doch am Ende stellt sich immer mehr heraus, dass es sich bei der Herausforderung, der allerhöchsten Wahrscheinlichkeit nach, um einen Hoax (schlechten Scherz) handelte. Warum ich so nebulös schreibe? Zu 100% sicher ist es nicht, dass es sich um einen Hoax handelt, denn viele Reporter sind auf dem Tamtam eingegangen und haben wild mitgemischt. Wie sagt man so schön? Viele Köche verderben den Brei… Aber in diesem Fall bringen viele Reporter, viele Halbwahrheiten, Lügen, Scheinkausalitäten und vielleicht auch ein paar Wahrheiten miteinander in Verbindung.

Aber zuerst ein wenig zum Inhalt des Selbstmordspiels bevor wir uns kritisch damit auseinandersetzen.

Der Name leitet sich von der Theorie ab, wonach sich Blauwale absichtlich suizidieren, indem sie sich an den Strand spülen lassen. Schluss folglich ist das Ziel der 50 Aufgaben, der Selbstmord des „spielenden“ Kindes oder Jugendlichen. Der „Spieler“ muss sich auf einer Social Media Plattform (bspw. Gruppen bei Facebook) für die Challenge anmelden und erhält infolge dessen einen „Spielleiter“ zugeteilt. „Spieler“ und „Spielleiter“ kommunizieren in der Regel über Whats App. Der „Spieler“ erhält jeden Tag eine neue Aufgabe vom „Spielleiter“, dazu gehört u.a. sich einen Blauwal in die Haut zu ritzen, einen Tag mit niemanden zu reden, ein trauriges Gedicht schreiben oder sich an den Rand eines Hochhausdaches zu stellen. Von jeder Einzelaufgabe muss ein Foto als Beweis für den „Spielleiter“ angefertigt werden. Etwa mittig der diversen Aufgaben erfährt der „Spieler“ sein geplantes Todesdatum und muss dieses akzeptieren.

Wenn noch kein Aufschrei durch euch gefahren ist, dann bitte jetzt hier!

Ein Ausstieg aus dem Spiel soll durch das Drohen der Ermordung der Eltern, Freunde oder des „Spielenden“ verhindert werden. Nachdem also eine Reihe höchst bedenklicher und gefährliche Herausforderungen bestanden wurden, wird als letzte Aufgabe der Suizid verlangt.

Bei den folgenden Worten habe ich mich in erster Linie an den Beitrag von Mimikama vom 04.11.2017 gehalten: https://www.mimikama.at/allgemein/blue-whale-challenge-ist-wieder-zurueck/

Wie Mimikama berichtet, ist es scheinbar gesichert, dass es sich zu Beginn des Tohuwabohus, lediglich um einen Hoax bzw. um eine Art „Creepy Pasta“ (Gruselgeschichten, die im Internet verbreitet werden) handelte.

Die ersten Meldungen tauchten Anfang 2017 in Russland auf. Bitte diesen Artikel lesen: https://www.mimikama.at/allgemein/hundert-todesfaelle-wegen-der-blue-whale-challenge/

Demnach sollen sich aufgrund der Blue Whale Challenge 130 Jugendliche suizidiert haben. Der Selbstmord der Jugendlichen Rina Palenkova wurde ebenfalls in den Hype eingebunden und dadurch nur noch verstärkt.

Dann wurde es einige Zeit etwas Still um das gehypte Spiel, bis es Ende 2017 wiederauflebte. Der Selbstmordversuch einer 10-jährigen in Russland wurde wieder mit der Challenge in Verbindung gebracht und ein Stern-TV Bericht goss weiterhin „Öl ins Feuer“. Dann wurde Filipp Budeikin gestellt. Er betrieb eine sogenannte Todesgruppe auf VK.com (russische Variante von Facebook) und soll für den Selbstmord von 17 Jugendlichen verantwortlich sein. Er selbst sagte, dass seine Opfer „biologischer Abfall“ sind und die „normalen“ Menschen von sozial Schwachen befreit werden müsse, da sie die Umwelt schädigen.

Die Geschichte wurde zum Selbstläufer… Trittbrettfahrer fingen an eine App zu veröffentlichen oder Gruppen in sozialen Netzwerken zu gründen. Die Geschichte ging viral und echte Berichte konnten nicht mehr von falschen getrennt werden. Viele Todesfälle wurden in den Medien mit der Challenge in Verbindung gebracht. Der kurze Hinweis, dass es sich aber auch um einen Hoax handeln könnte, da es eigentlich gar keine gesicherten Fakten sind, kam viel zu kurz. Die Vorgehensweise vieler ist hier stark zu kritisieren! Laut Mimikama-Autor kann hier möglicherweise von finanziellen Interessen und Clickbaiting ausgegangen werden.

Aber was ist im Endeffekt an den ganzen falschen Informationen und dem Klamauk so gefährlich, wenn das Spiel nicht Realität ist? Berechtigte Frage. Aber genau da ist der Punkt. Durch die ausführliche Berichterstattung sind Trittbrettfahrer erst recht auf die Idee gebracht worden, entsprechende Meldungen und Kettenbriefe in die Welt zu befördern und sich selbst als Spielleiter auszugaben.

Es ist nicht mehr ermittelbar, ob es sich um einen sehr, sehr schlechten Scherz handelt oder ein ernst gemeintes Spiel war. Das ist aber nicht relevant, denn Eltern und Kinder haben Angst und sind besorgt. Durch die Art der Präsentation in den Medien wurde das Phänomen zu einem realen Problem. Wichtig ist, dass Eltern ihren Kindern einen verantwortungsbewussten Umgang mit sozialen Medien vermitteln und über potenzielle Gefahren aufklären. Die Sorgen und Ängste der Kinder müssen ernst genommen werden. Auch wenn es sich lediglich um einen gruseligen Kettenbrief bei WhatsApp handelt.

Am Schluss noch ein Videolink für euch zum Thema: https://www.youtube.com/watch?v=bIVN7gwzX9A&feature=youtu.be

Die Blue-Whale-Challenge hat zugegebenermaßen bereits „Staub“ angesetzt und wurde durch ein neues Internetphänomen namens „Momo“ abgelöst.

Zu „Momo“

Viele Kinder und Jugendliche berichten wieder häufiger von Momo. Erstmals tauchte das Grusel-Mädchen im vergangenen Jahr auf und erlebt derzeit einen neuen Höhepunkt.

Momo soll eine Form des Cyber-Mobbings sein und sich über soziale Medien, Smartphones und Videos verbreiten. Als häufigste Verbreitungsform ist vor allem das Mobiltelefon zu nennen. Über den Messagingdienst WhatsApp können Nutzer „Momo“ kontaktieren und erhalten mittels Fotos und Sprachnachrichten, Bedrohungen sowie gruselige Schock-Bilder. Es wird behauptet, dass der Kontakt auch Anrufe tätigt. Außerdem ist das Gerücht verbreitet, dass die Nummer von „Momo“ plötzlich in den Whatsapp-Kontaktlisten einiger Personen aufgetaucht ist (ohne dass der Kontakt aktiv vom Nutzer hinzugefügt wurde!). Entsprechende Nummern von „Momo“ wurden Online veröffentlicht, stammen aus Japan, Mexiko oder Spanien und sind inzwischen gesperrt oder nicht erreichbar.   

Momos Opfer sollen im weiteren Chatverlauf angehalten werden, eine Reihe von Aufgaben zu erfüllen. Dazu soll auch selbstverletzendes Verhalten und Suizid gehören.

Weiterhin sollen bei YouTube Videos mit Momo aufgetaucht sein. Vor allem in Filmen mit Inhalten für Kinder und Jugendliche, z.B. in Videos zu Spielen wie Minecraft oder Fortnite oder bei Pepper Wutz.

Im Laufe der Zeit haben sich die Hinweise verdichtet, sodass davon ausgegangen werden kann, dass es die Momo-Challenge selbst nie gegeben hat und es sich um einen viralen Mythos und einen Hoax handelt. Das einige Suizide von Jugendlichen tatsächlich mit der „Momo“-Challenge in Verbindung stehen, konnte nie bewiesen werden.  

Zur Kunstfigur „Momo“

Wenn man das Foto zum Internetphänomen betrachtet, fallen vor allem große, aus dem Kopf hervorquellende Augen; lange, schwarze, strähnige Haare und ein Mund, der zu einem schmalen Strich verzerrt ist, auf. Doch beim Bild handelt es sich weder um einen echten Menschen, noch um Fotomontage. Es ist lediglich ein Foto einer Skulptur aus Japan. Die Figur wurde von der Firma „Link Factory“ hergestellt und in einer tokioter Kunstgalerie ausgestellt. Bei einer Bildrecherche fällt auf, dass die Skulptur auch noch Hühnerbeine hat. Schon gruselig 😉

Die Frage, woher „Momo“ nun kommt, kann nicht geklärt werden. Eindeutig ist, dass Jemand sich die Identität der Gruselfigur ausgedacht und angeeignet hat. Mit dem entsprechenden Namen und Foto einen WhatsApp-Account angelegt hat und mindestens eine Mobiltelefonnummer online verbreitet hat. Ob die verschiedenen, öffentlichen Nummern von einer Person genutzt werden oder ob es sich um vielfältige Trittbrettfahrer handelt, kann nicht geklärt werden. Unklar ist und bleibt auch die Intention. Es kann sich um einen schlechten Scherz handeln aber es ist auch möglich, dass Kriminelle den Hype ausnutzen um Daten abzufangen, Werbung einschleusen oder den Kontakt auf andere Weise missbrauchen.  

Bei allen Spekulationen, steht fest, dass hier ein feedback loop entstanden ist. Das heißt: „Auf Medienberichte folgten Warnungen, die Warnungen erzeugten neue Berichte, Eltern gerieten in Panik und aus der Verunsicherung entstanden wiederum neue Schlagzeilen.“ (Zitat aus der „Horror für Eltern“ vom 07.03.2019, Zeit Online).

Aktuell wird wohl in Deutschland ein Kettenbrief herumgeschickt. Vor allem unter den Jüngeren. Inhalt des Briefs soll folgender sein:

„Hallo ich bin Momo und bin vor 3 Jahren verstorben ich wurde von einem Auto angefahren und wenn du nicht möchtest das ich heute Abend um 00:00 Uhr in deinem Zimmer stehe und dir beim schlafen zuschaue dann sende diese Nachricht an 15 Kontakte weiter.“

Vieler Orts warnt die Polizei davor mit „Momo“ in Kontakt zu treten. Wichtig ist für Kinder und Jugendliche, dass ungewöhnliche Nachrichten mit nahestehenden Personen besprochen werden. Kettenbriefe keineswegs weitergeleitet werden sollten, sondern einfach gelöscht. Unbedingt muss darauf geachtet werden, dass keine persönlichen Daten preisgegeben werden. Auch über WhatsApp kann schädliche Software versendet werden. Deshalb keine Anhänge oder Links öffnen. Unbekannte Rufnummern sollten stets blockiert oder gesperrt werden. Wenn es zu bedrohlichen Zwangssituationen für den User kommt, kann Anzeige bei der Polizei erstattet werden.

Quellen zu Blue-Whale:

https://de.wikipedia.org/wiki/Blue_Whale_Challenge

https://medienprofis.projuventute.ch/Blue-Whale-Challenge.3809.0.html

Quellen zu Momo:

https://de.wikipedia.org/wiki/Momo_Challenge

https://www.watson.de/digital/whatsapp/520287113-das-steckt-hinter-dem-gruseligen-whatsapp-account-momo

https://www.merkur.de/multimedia/momo-muenchner-polizei-warnt-erneut-vor-momo-challenge-sollten-sie-beachten-zr-10059888.html

https://www.zeit.de/digital/internet/2019-03/momo-challenge-horrorfigur-internet-videos-kinder-suizid/komplettansicht