Selbstverletzendes Verhalten (SVV)

Nadine (14 Jahre) ist ein Mädchen das sich schneidet. Lange Jahre hatte sie ein (traumatisches) Ereignis verdrängt. Dann wächst der innere Druck durch eine aktuelle belastende Situation so stark, wird unerträglich, „sie hat das Gefühl zu platzen.“ In dieser Situation schneidet sie sich in der Küche aus versehen an einem Messer. „Zuerst bin ich total erschrocken, weil es so stark geblutet hat, aber ich habe gemerkt, dass es mir Erleichterung verschafft, dass die Spannung nachlässt. Deshalb schneide ich immer wieder“, erzählt sie und zeigt dabei ihre Unterarme. „Bin ich jetzt verrückt?“ Das Messer nehme ich auch mit zur Schule, „für den Notfall“. Sie weiß, danach geht es ihr erst einmal besser. (Zitat von: http://www.beratung-caritas-ac.de/index.php?id=seelenkratzer)

Heute widme ich mich dem selbstverletzenden Verhalten. Warum fragen sich sicher einige an dieser Stelle? Nun ja… Das SVV oder umgangssprachlich eher „Ritzen“ genannt, ist doch deutlich häufiger anzutreffen als man vielleicht denkt. Hierbei ist aber wichtig zu betrachten, dass nicht immer eine psychische Störung dafür vorliegen muss. Auch im Laufe der Pubertät taucht immer mal SVV auf. Das kann an Nachahmungseffekten, Online-Challenges, Depressionen, Mobbing, Essstörungen, mangelndes Selbstwertgefühl oder schwach ausgeprägten Selbstregulierungskräften liegen. Im Endeffekt können alle „Handlungen, bei denen es zu einer bewussten Schädigung der Körperoberfläche kommt“ (siehe Monks – Ärzte im Netz GmbH) als SVV bezeichnet werden. Wichtig ist hierbei, dass das selbstverletzende Verhalten meist nicht sozial akzeptiert wird und nicht auf suizidale (Selbsttötung, Selbstmord) Absichten hinweist. (Wobei bestimmte Szenen hier sicher eine Ausnahme bilden.)

Personen die sich selbst verletzen, benutzen dafür am häufigsten scharfe oder spitze Gegenstände. Mit Messern, Rasierklingen oder Scherben fügen diese sich Schnittverletzungen zu. Die Schnitte sind meist an Armen, Beinen, im Bereich der Brust oder des Bauches. Verbrennungen oder Verätzungen können ebenfalls vorkommen. Einige Personen schlagen bewusst gegen Wände, Bäume, Steine oder ähnlichem um sich Schmerzen zuzufügen.

Ein besonders hohes Risiko für SVV haben Jugendliche mit psychischen Störungen. Besonders zu benennen ist hier die Borderline-Persönlichkeitsstörung. Eine Diagnose muss aber unbedingt von geschulten Fachkräften, wie Ärzten, Psychologen oder Neurologen stattfinden, denn nicht jeder der sich Ritzt hat eine psychische Störung!

Nicht zu vergessen ist bei all dem Gerede über SVV in Zusammenhang mit der Jugend, dass auch Erwachsene und ältere Menschen sich selbst verletzen, nur liegen hierzu weniger Forschungsdaten vor als bei jungen Menschen. Bei Jugendlichen in Deutschland wurde eine Lebenszeitprävalenzrate von 25% ermittelt. Im Laufe eines Jahres (Ein-Jahres-Prävalenzrate) liegt der Anzahl bei 14%. Weltweit ist von einer Prävalenz von 19% auszugehen. Warum diese Zahlen so wichtig sind? Weil Deutschland damit im Vergleich zu anderen europäischen Ländern eine sehr hohe Rate von SVV hat und Aufklärung umso wichtiger ist. (vgl. Monks- Ärzte im Netz GmbH)

Doch zurück zum Ritzen bei Jugendlichen…

Wie oben schon angedeutet wurde, ist das Ritzen Ausdruck einer starken seelischen Belastung wie beispielsweise starkes und wiederholtes Mobbing, Gruppendruck oder körperliche, dauerhafte Gewalt. Also entsteht die Reaktion sich Schmerzen zuzufügen aus Gefühlszuständen, die augenscheinlich nicht anders kontrolliert werden können. Der Wunsch innere Spannung abzubauen ist das häufigste Motiv für das Ritzen. Das zufügen von Verletzungen kann aber auch eine Art Selbstbestrafung sein. Gefühle von Einsamkeit, Angst oder Aggression können durch das Schneiden abgeschwächt werden. Es ist sozusagen eine Art von Bewältigungsstrategie von starken Gefühlen. Als ein Risikofaktor für SVV gilt, wenn bereits Freunde oder Familienangehörige sich selbst verletzt haben und derzeit Betroffene dies erlebt haben. (vgl. Monks- Ärzte im Netz GmbH)

Das klingt jetzt etwas komisch… Aber auf die Frage, warum Ritzende nicht einfach mit dem Verhalten aufhören können ist simpel. Denn durch die Verletzungen der Hautoberfläche schüttet der Körper sogenannte Endorphine (Glückshormone) aus. Diese unterdrücken den Schmerz und führen unter Umständen zu einem Wiederholungszwang, wenn das Gleichgewicht der sogenannten körpereinen Opioide gestört ist. Ja, unser Körper bildet in geringen Mengen Stoffe, die genau wie Drogen wirken! Dem gerade beschriebenen Prozess unterliegt der Mensch aber auch, beim Rauchen, Alkohol trinken, Essen aber auch beim Sport. (vgl. Monks – Ärzte im Netz GmbH)

Doch viel, viel wichtiger für Angehörige wie Eltern, Lehrer oder Freunde ist es wohl zu wissen, wie man Hinweise richtig deutet.

SVV-Betroffene haben häufig einen gestörten Schlaf. Freunde werden vernachlässigt, die Personen ziehen sich mehr und mehr zurück. Hobbys sind nicht mehr so interessant wie vorher und werden vielleicht sogar aufgegeben. Es wird versucht die Verletzungen durch lange Kleidung zu verdecken. Auch beim Sport oder an warmen Tagen wird lange Kleidung getragen. Stimmungsveränderungen oder Stimmungsschwankungen können ein Warnzeichen sein. Wenn Verletzungen beobachtet werden, sollte vor allem auf folgende geachtet werden:

  • Schnittverletzungen und Kratzer am ganzen Körper aber besonders am Unterarm (die Verletzungstiefe ist auffallend gleich, die Verletzungen sind häufig gruppiert, scharenweise parallel gereiht oder auch symmetrisch; meist linear angeordnet bis hin zu Zeichen, Symbolen oder Worten; Narben sind unterschiedlich gut verheilt)
  • Schürfwunden an Knie- und Ellenbogengelenken
  • Brüche
  • punktartige (Brand-)Verletzungen (von Zigaretten) oder Stiche
  • Verbrennungen (vom Bügeleisen o.ä.) oder Verbrühungen
  • blaue Flecken sollten ebenfalls hinterfragt werden.

Grundsätzlich sollten Eltern, Lehrer und ganz besonders die Freunde hellhörig werden, wenn Jugendliche zu verstehen geben, dass sie sich wertlos oder hoffnungslos fühlen. Die Probleme der jungen Menschen sollten immer ernst genommen werden und Vertrauenspersonen sollten immer offen für Gespräche sein, auch bei solch schwierigen Themen. Bewertungen oder das ausüben von Kritik aufgrund des Verhaltens muss vermieden werden. Die Problematik für gesprächsbereite Erwachsene kann häufig in der Bewertung der Problemlage liegen. Denn die Probleme der Heranwachsenden können in unseren Augen harmlos erscheinen, jedoch für den Jugendlichen welterschütternd.

Und am Ende bleibt die Frage was könnt ihr selbst tun oder euren Freunden raten:

Jeder Jugendliche mit SVV sollte Hilfe bei einem erfahrenen Therapeuten suchen und herausfinden wie man SVV überwinden kann.

Jugendliche die sich bereits Hilfe gesucht haben, berichten, dass der Drang überwunden werden kann und geben an, dass verschiedene Methoden hilfreich sein können. Dazu gehören:

  • sportliche Betätigung (Jogging)
  • Eiswürfel in der Hand halten
  • Auf Bett oder Kissen einschlagen
  • Gefühle kreativ umsetzen (malen, Musik machen, etc.)
  • Nach draußen gehen und schreien
  • Freundin, Therapeuten oder Seelsorge anrufen
  • Vermeiden allein zu sein (Freunde treffen, einkaufen gehen)
  • Ein warmes oder kaltes Bad oder Dusche
  • Entspannungstechniken
  • Laut singen
  • Tagebuch schreiben

(vgl. Monks- Ärzte im Netz GmbH)

Quellen:

Monks – Ärzte im Netz GmbH: https://www.neurologen-und-psychiater-im-netz.org/kinder-jugend-psychiatrie/warnzeichen/selbstverletzendes-verhalten/was-ist-selbstverletzendes-verhalten-svv/

Aerzteblatt: https://www.aerzteblatt.de/archiv/28492/Der-Koerper-als-Instrument-zur-Bewaeltigung-seelischer-Krisen-Selbstverletzendes-Verhalten-bei-Jugendlichen

Caritas: http://www.beratung-caritas-ac.de/index.php?id=seelenkratzer

Eltern im Netz: https://www.elternimnetz.de/kinder/sorgenkinder/selbstverletzendes.php

Rote Linien: http://www.rotelinien.de/information.html