Wenn das Training zur Sucht wird…

Schon häufiger habe ich mich mit dem Thema Ernährung, Aussehen, Schönheitsideale, etc. beschäftigt und auch Texte auf diesem Blog darüber verfasst. Meist ging es dabei um die weiblichen Geschöpfe unter euch. Doch nicht nur Frauen sind in unserer heutigen Gesellschaft mit Schönheitsidealen konfrontiert. Betrachtet man Werbung, wo Männer abgebildet sind, dann können wir zu dem Schluss kommen, dass auch hier Druck ausgeübt wird, der einige überfordert. Lässige, offene Hemden zieren unter anderem die abgebildeten Personen. Unter dem Hemd kommt eine klar definierte Bauchmuskulatur zum Vorschein. Der Bizeps und Trizeps sehen nicht nur in bestimmten Posen trainiert aus. Kaum ein Gramm Fett scheint an den Models dran zu sein.

Die Männer auf den Werbeplakaten, in den Werbesendungen oder Spielfilmen haben einen „worked-out body“. Sie wirken überlegen, selbstsicher und scheuen sich nicht viel Arbeit, Geld und Schweiß in ihren Leib und ihr Erscheinungsbild zu investieren. Das weckt auch bei normalen Männern häufiger den Wunsch sich ebenfalls zu Bemühen einen solchen „body“ zu erarbeiten, sei es aus Verunsicherung oder Verwirrung.

Diese Unzufriedenheit verleitet nicht nur Frauen zu unzähligen Diäten, Besuchen im Fitnessstudio und Anstrengungen überschüssigem Körperfett dem Kampf anzusagen. Auch Männer beginnen aus dem Gefühl heraus, den Versuch Muskelmasse mittels Kraftsport zuzulegen, ihren Körperfettanteil deutlich zu reduzieren, die Ernährung gezielt auf eine erhöhte Proteinmenge umzustellen. Doch dessen nicht genug. Es kommen zur weiteren Optimierung des Muskelwachstums Nahrungsergänzungsmittel dazu und bei einigen in letzter Konsequenz auch Anabolika.

Wenn der Körper, das Aussehen und der Muskelaufbau der einzige Lebensinhalt ist und dadurch der Beruf, Familie, Freunde, Bekannte oder auch andere Hobbies stark vernachlässigt werden, ist das gesunde Maß sicher überschritten. Es wird die zur Verfügung stehende Zeit im Fitnessstudio oder im Trainingsraum daheim verbracht? Die Muskeln werden regelmäßig ausgemessen, um Erfolge nachvollziehen zu können? Dann sollten doch Überlegungen zur Veränderungen dieses Verhaltens in Erwägung gezogen werden. Häufiges betrachten im Spiegel und das Posieren davor sowie das kontrollieren des Gewichtes sind sicher weitere Hinweise, dass hier etwas nicht stimmt. Manche Männer (und auch Jungs) gehen unter Umständen nicht mehr aus dem Haus ohne davor trainiert zu haben. Sie tragen vielleicht weite, mehrschichtige Kleidung, um ihren augenscheinlich schmächtigen Körper zu verbergen. Einseitige und mangelhafte Ernährung und übermäßiges Training führen hier sicher in die Spirale von Essstörungen, Verletzungen und Entzündungen des und im Körper. Die ständige Überforderungen und unausgewogene Lebensweise hinterlässt Spuren und irgendwann, will der Körper sicher nicht mehr dem Geist folgen. Es kommt zu Verzögerungen im Muskelwachstum und für einige ist hier die Einnahme von Anabolika die Folge. Durch die Einnahme der Substanz kommt es zu unerwünschten Nebenwirkungen. Dazu zählen Herz-Kreislauf-Beschwerden, Herz- sowie Leberschäden, Muskelkrämpfe, Unfruchtbarkeit, Akne, Kopfschmerzen und erhöhte Aggressivität.

In den oben stehenden Zeilen zeichnet sich ab, dass es sich um eine Störung in der Körperwahrnehmung handelt. Die betreffenden Personen sind unabdingbar davon überzeugt unattraktiv und mangelhaft zu sein. In der Umgangssprache werden die oben beschriebenen Situationen als Adonis-Komplex bezeichnet (fachlich gesehen handelt es sich um Muskeldysmorphie).

Die Ursachen für diese Störung sind nicht eindeutig geklärt, jedoch sind sie vielschichtig und facettenreich.

Beispielsweise können aber bestimmte Persönlichkeitsmerkmale, wie zum Beispiel Perfektionismus und emotionale Instabilität eine bezeichnende Rolle spielen.

Männern denen das Aussehen sowie die körperliche Fitness sehr wichtig ist und die sich häufig mit sich selbst beschäftigen neigen sicher auch eher zum Adonis-Komplex als andere Männer. Wie Eingangs bereits erwähnt führen auch gesellschaftliche Normen und Idealbilder zu Verunsicherungen und dem Wunsch „besser“ zu werden. Wenn sich Männer mit der Geschlechterrolle des Beschützer und Ernährers identifizieren, als auch Gleichberechtigung von Mann und Frau ablehnen, wollen sie unter Umständen dieser Einstellung mit der Formung ihres Körpers Nachdruck verleihen und übertonen ihre Männlichkeit.

In fast jeder Möglichkeit bzw. Idee der Auslöser stecken immer Minderwertigkeitsgefühle und Ängste vor sozialer Zurückweisung, die jedoch nicht gezeigt werden. Dies untermauert zudem eine Befragung der Warwick Medical School. Einhundert Bodybuilder wurden zum Thema Mobbing befragt. Es kam heraus, dass viele in ihrer Kindheit Opfer von Mobbing durch Gleichaltrige waren. Dadurch wurde bereits als Kind das Selbstwertgefühl erheblich gemindert und sicher der Wunsch geweckt irgendwann möglichst stark und unverwundbar zu werden, um sich dementsprechend körperlich gegen die erlebten Angriffe wehren zu können. Doch die äußerliche Stärke durch Muskeln führt sicher nicht zu innerlicher Stärke. Die Unsicherheiten sowie das geringe Selbstwertgefühl können durch Kraftsport meist nicht abgebaut werden. Es kann trotz körperlicher Höchstform zu Depressionen, Ängsten und Zwängen kommen, bis hin zu Selbstmordgedanken. Die Selbstqualität der betroffenen Männer sinkt erheblich.

Es gibt mittlerweile zahlreiche Instrumente zur Diagnose vor. Trotz allem bleibt der größte Teil der Männer mit dieser Störung unerkannt. Entgegengesetzt zur Magersucht, sehen die Betroffenen gesund, kräftig und gut aus. Die Menschen im nahen Umfeld geben der trainierenden Person oft Zuspruch wegen der Erfolge und der vermeidlich gesunden Lebensweise. Damit wird das Verhalten des Betroffenen verstärkt, es entsteht kein Leidensdruck das übermäßige Training zu beenden. Viel mehr werden die Entbehrungen als Preis für den Erfolg angesehen. Allgemein ist auch bekannt, dass Männer eher dazu neigen über Krankheiten sowie Probleme nicht zu sprechen, als Angst man könnte als Memme oder Schwächling dastehen.

Außerdem ist die Muskeldysmorphie ein relativ unbekanntes, neues Phänomen, welches wenig untersucht ist und auch meist in der Schwere der Erkrankung unterschätzt wird. Explizite Behandlungsansätze gibt es derzeit noch nicht. Jedoch gibt es aus dem Bereich der Therapie von Zwangsstörungen vielversprechende Ansätze, unter Umständen kombiniert mit einer Pharmakotherapie, die Wirkung zeigen. Unabdingbar ist, dass sich die Betroffenen mit ihren Persönlichkeitsmerkmalen und Emotionen beschäftigen müsse. Das Selbstwertgefühl muss aufgebaut werden und enorm wichtig sind die Reflexion der sozialen und gesellschaftlichen Normen und die Auseinandersetzung mit dem vorliegenden Rollenbild.

Besonders besorgniserregend finde ich, dass die Gebühren für Fitnessstudios selten so günstig waren, wie in der heutigen Zeit. Das Ideal des starken, gut trainierten Mannes wird in vielfältigen Werbungen allgegenwärtig. Das Phänomen der Muskeldysmorphie könnte sich somit epidemieartig ausbreiten und das nicht nur bei erwachsenen Männern sondern auch zunehmend bei Jungen im teenageralter und Jünger.

 

Quellen:

http://bit.ly/2lhgOXi

http://bit.ly/2yNxx9o

http://bit.ly/2zCltoR

 

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