Technikfeinde, Digitalisierung und Kultur

Arne Ulbricht veröffentlichte am 12.08.2016 einen Beitrag bei Spiegel Online.  Der Untertitel lautete:

„Lieber chatten als mit den Kindern spielen, lieber surfen statt erzählen: Das Handy hat die Eltern fest im Griff. Mit den Folgen müssen wir Lehrer uns rumschlagen“ (Quelle).

Noch am selben Tag verfasste Jochen G. Fuchs bei t3n einen Artikel, der an Technikfeinde gerichtet ist. Fuchs eröffnet seinen Gegenschlag mit folgenden Worten:

„Die ‚German Angst‘ ist wieder da – und findet im Smartphone ihre aktuelle Projektionsfläche. Der Spiegel widmet seinen aktuellen Titel ‚Legt doch mal das Ding weg‘ dem angsteinflößenden Gerät und spricht vom ‚Feind in meiner Hand‘. Der Leitartikel baut zuerst ein Bedrohungsszenario durch hässliche, kleine Alltagsgeschichten von Smartphone-geplagten Eltern auf und gipfelt dann in der Behauptung, acht Prozent der Kinder seien suchtgefährdet“ (Quelle). 

Doch zuerst weiter zu Ulbricht’s Ausführungen. Er beschreibt eine Unterrichtssituation, um die Teilnahmslosigkeit der Schülerin ‚Lara‘ zu verdeutlichen. Sie war wohl gerade mit ihrem mobilen Gerät beschäftigt und konnte dem Unterricht aufgrund dessen nicht folgen. Auf die Frage des Lehrers, was er gesagt habe, ist ihre Antwort ein einfaches Achselzucken.

Als nächstes rechnet er mit der Elternschaft ab und verfasst:

„Wir züchten eine smartphonesüchtige Generation heran. Es beginnt damit, dass wir das Gerät oft genug missbrauchen, um uns nicht selbst um unsere Kinder kümmern zu müssen“ (Quelle). 

Dies verdeutlicht er, mit zwei anschaulich dargestellten Alltagssituationen. Weiterhin deutet er an, dass 99% der Eltern bzw. Erwachsenen „ihr Smartphone in der Hand halten, als sei es eine Prothese, die sie nur nachts abnehmen“ (Quelle). 

Im weiteren Verlauf beschreibt er noch mehr Situationen, mit denen er sich konfrontiert sah. Ein Bekannter beklagte sich über zahlreiche Nachrichten bei WhatsApp und Facebook und wirkte sehr verdutzt als er den Vorschlag von Ulbricht bekam, sich einfach abzumelden. Weiterhin geht er darauf ein, wie viele Momente man verpasst, indem man die Wetter-App checkt und sich bezüglich der Sonnenstunden oder Niederschlagsmenge absichern möchte. Er verdeutlicht auch hier seine Ausführung mit einem Beispiel aus der „Prä-Smartphonezeit“:

„[…] habe ich mit einer Klasse einen Kanuausflug gemacht. Am Nachmittag zog ein Unwetter auf. Es schüttete. Wir hatten trotzdem jede Menge Spaß. Heute werden Ausflüge abgesagt, wenn die Wetter-App Regen ankündigt“ (Quelle). 

Er schließt diesen Absatz mit den Worten

„Smartphones entpuppen sich als Abenteuerverhinderungsmaschinen. Das ist schade für die Kinder und Jugendlichen, die nicht wissen, was ihnen manchmal entgeht. Aber Eltern wollen das so; die meisten würden ihr Kind zwingen, ein Smartphone mit in den Wald zu nehmen. Leider demonstrieren wir den Kindern auf diese Weise, dass man ohne Smartphone verloren ist, weil man nur mit dessen Hilfe alle Restrisiken ausschließen kann“ (Quelle). 

Ulbricht beschreibt, im letzten Absatz, dass wir Erwachsenen uns wie Idioten verhalten im Umgang mit mobilen Geräten. Er habe aber doch die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass wir uns irgendwann auf unsere Vorbildfunktion besinnen und entsprechende Geräte einfach ausgeschalten oder zu Hause lassen. Er leitet daraus ab, dass Kinder dadurch irgendwann nicht mehr hektisch nach einer Steckdose suchen sobald sich der Akku dem Ende neigt. Dementsprechend sollen sie weniger Stress haben und wieder lernen sich mit den Mitmenschen zu beschäftigen und Zeit zubringen.

Doch ich persönlich finde, dass ist eine zu einfache Milchmädchenrechnung.

Doch nicht nur ich habe an einigen Argumenten von Ulbricht etwas auszusetzen.

Die Gegendarstellung von Jochen G. Fuchs ist wohl genauso interessant, wie der Artikel von Ulbricht.

Fuchs reiht Ulbrich bei den Angstmachern und Verteufelern der modernen Mediennutzung ein. Er ordnet die Verwahrpädagogen einem Trend in Deutschland zu, der gefährlich für die Schüler und Schülerinnen ist. Denn die Kompetenz im Umgang mit Medien lernen sie durch „technologiefeindliche Lehrer wie Ulbricht [nicht]“ (Quelle).

Fuchs sieht die gesamte Hilflosigkeit des Lehrers in seinen vielfältig beschriebenen Situationen und erläutert die „frommen Wünsche“ von Ulbricht.

Fuchs selbst verspricht, dass er als Vater sowie Journalist sein Bestes geben wird, seiner 6 Monate alten Tochter, so viel Medienkompetenz wie möglich, mit auf den Weg zu geben und dies erwartet er auch von ihren Lehrern.

Fuchs formuliert:

„Von Lehrern wie Ulbricht, die wie Don Quichotte gegen moderne Lebensrealitäten ankämpfen, ist die Vermittlung von Medienkompetenz allerdings kaum zu erwarten. Mit seiner zur Schau gestellten Technologiefeindichkeit ist Ulbricht Teil des Problems übermäßiger Mediennutzung und nicht Teil der Lösung“ (Quelle). 

Aus persönlichen Erfahrungen, als Schüler an einer beruflichen Schule, hat Fuchs eine Lösung für Ulrich parat:

„Ich kenne daher Ulbrichts Situation. Und ich kenne die Lösung: Ein Lehrer ließ sich durch die allgegenwärtigen Smartphones nicht irritieren, er integrierte sie im Unterricht. Er ließ Erklärungen googlen, den Schülern die Erklärungen zusammenfassen oder auch mal Vokabeln online nachschlagen. ‚[…]der Deal lautet: Ihr dürft euer Smartphone auf dem Tisch lassen, nutzt es aber nicht permanent zum simsen, sondern im Unterricht.‘ Es hat funktioniert, dieser Lehrer musste sich weniger mit unaufmerksamen Smartphone-Nutzern herumschlagen“ (Quelle). 

Fuchs führt nachfolgend die Ergebnisse von Studien an „Der Einsatz von Computern im Unterricht wirkt sich günstig auf die Lernergebnisse der Schüler aus“ (Quelle). Weiterhin wettert er, dass die Thesen von Manfred Spitzer zur ‚digitalen Demenz‘ haltlos und durch keine wissenschaftlichen Grundlagen gestützt sind.

Doch bevor wir zu tief in die Medienpädagogik einsteigen, möchte ich hier einen Cut machen.

Schlussendlich lässt sich festhalten, dass Probleme, wie oben genannt, tatsächlich vorkommen. Eltern, sowie auch Kinder, können teilweise ihren Medienkonsum nicht mehr steuern und als „gemeinsame“ Aktivität zählt das nebeneinander sitzen und surfen. Die Technik daraufhin zu verteufeln und zu verbannen ist wohl nicht die effektivste Lösung für das Problem. Mit dieser Aussage, könnte eine gewisse Weltfremdheit unterstellt werden. Doch was ebenso nicht zur Lösung beiträgt, sind gegenseitige Angriffe von technikaffinen und technikfeindlichen Personen oder zwischen Eltern und Lehrern, die sich regelmäßig den „Schwarzen Peter“ zuschieben.

Wir sollten an dieser Stelle darüber nachdenken, wer während dieser Streitsituation hinten über fällt – die Kinder! Um die es ja schließlich geht und an deren Medienkonsum herumgenörgelt wird. Wie schon mehrfach erwähnt, wird sich deren Medienverhalten nicht durch den pädagogischen Zeigefinger ändern. Doch was können wir tun? Wir sollten selbst in die Welt eintauchen und uns selbst in unserem Nutzungsverhalten reflektieren, denn nur wer sich auskennt, kann eine Vorbildfunktion einnehmen und den Nachkömmlingen zeigen wie es richtig funktioniert. Bisherige Entwicklungen zeigen schließlich, dass das Buch auch die Zeit überlebt hat, obwohl es damals einen riesigen Aufschrei gab über das neue Medium. Heutzutage wünscht man es sich doch regelrecht, dass mehr Bücher gelesen werden.

Doch wenn ich so weiter mache, bin ich ebenfalls nicht besser als alle Verteidiger und Kritiker des Medienkonsums der Jugend. Wie sollten wir mit dem Medienkonsum umgehen? Wir sollten uns wohl zunächst selbst informieren und es vor allem selbst ausprobieren! Warum sollte ich mich nicht einfach mal bei Facebook, WhatsApp, Instagram, Snapchat oder Pokémon Go anmelden (und vor allem die AGB’s lesen und die App-Berechtigungen – spannend!). Mir die Inhalte der Seiten oder Spiele zu eigen machen. Genauso sieht es mit PC-Spielen aus. Wie sonst soll ich Inhalte und die Wirkung dieser kennen lernen? Wie sonst könnte ich die moralischen Verwerflichkeiten des Gaming kennen lernen, wenn ich selbst nie gespielt habe? Oder ganz simpel, den Spaß an der Sache? Denn Gaming muss nicht immer schwerwiegende Inhalte haben oder pädagogisiert werden, sondern manchmal soll es einfach nur für Unterhaltung sorgen.

Doch es gibt auch noch andere Möglichkeiten – Projekte mit Pädagogen, Jugendlichen und/oder Eltern. Zum Beispiel: games4interaction oder Eltern-LAN.

Für einige wirken wir hier vielleicht etwas großkotzig und es kommt schnell die Frage auf, was wir persönlich tun, um den Kindern und Jugendlichen beim erlernen des richtigen Umgangs mit Medien zu vereinfachen. In erster Linie probieren wir es selbst aus. Somit ist es für uns schon fast selbstverständlich, dass wir berufliche sowie private Accounts bei Facebook, Instagram, Snapchat, Twitter, Pinterest, Jodel oder YikYak pflegen. Wir binden sie in unseren Alltag ein, so wie es Jugendliche tun und tauschen uns über Inhalte aus. Die Medien vereinfachen uns den Kontakt oder wir können durch die sich sammelnden Informationen, Trends erkennen und entsprechende Projekt initiieren, wie beispielsweise zum Thema ‚Selfies im Gleisbett‘ (Projekt folgt demnächst) oder Kraftsport und Jugendliche. Aktiv sind wir auch bei folgenden Anwendungen: Actionbound, Instagram oder Pokémon Go (siehe hier ebenfalls zum Thema Pokémon Go). Wir greifen Serien und damit verbundene Problematiken auf oder Artikel aus dem Netz: Gaming ist im kommen, Klicksafe, Gesund und fit in der Sportstadt, Warum sehe ich nicht so aus?, Erschreckend…,  Blickfang, Nachhaltigkeit im Blick, Creative Commons, Weiterbildung und Baunatal mal anders.

Außerdem spielen wir auch mal z.B. Minecraft und übelegen uns, wie wir in unserem Arbeitsfeld solche Dinge einbinden können (Es besteht bereits ein Konzept zur Partizipation von Kindern und Jugendlichen zur städtebaulichen Gestaltung mittels Minecraft).

 

Und zum Abschluss noch einen kurzen Einblick in die Lebenswelt von Jugendlichen: Buch „The Class“ und „Ein Tag im digitalen Leben der Teenager“.