Warum sehe ich nicht so aus? Fernsehen im Kontext von Esstörungen

„Ich habe heute leider kein Foto für dich.“

Der heutige Titel des Beitrages klingt, im Kontext unserer Seite betrachtet, ziemlich komisch. Er stammt auch nicht aus unseren Hirnen, um genauer zu sagen, wurde eine Studie mit dem Titel von der IZI (Internationales Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen) und dem Anad e.V. (Bundesfachverband Essstörungen) herausgegeben. Ich habe das gute Stück gelesen und möchte euch nun ein paar Inhalte davon näher bringen. Natürlich könnt ihr alles hier nachlesen. Es lohnt sich!

Die beginnende Pubertät ist nicht nur für Eltern schwierig. Auch für die professionelle Arbeit, werden wir immer wieder vor vielfältige Herausforderungen gestellt. Nicht nur die Identitätsfindung, Persönlichkeits- und Meinungsbildung bildet hier Punkte, an denen wunderbar angeeckt werden kann, sondern auch die Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper, der Kleidung die getragen wird und gerade in Mode ist.

Nicht nur Mädchen, sondern auch Jungs (wenn auch weniger) fangen an sich untereinander zu vergleichen und anders wahrzunehmen. Sie betrachten Werbungen und Sendungen im Fernsehen, auf Plakaten und in Magazinen anders als vorher.

Wobei der Zugriff auf das Medium Fernseher nicht so schwer ist. Mittlerweile gibt es nur noch wenige Haushalte, in denen kein Fernsehgerät vorhanden ist. Im Durchschnitt schauen die Deutschen 223 Minuten täglich in die Röhre (wobei es ja heutzutage keine Röhren mehr sind 😉 ) Bei Jugendlichen im Alter von 12 Jahren bis 19 Jahren sind es immerhin 113 Minuten im Durchschnitt. Dazu gesellt sich noch die Zeit für das Smartphone und das Internet. Es lässt sich schon leicht erkennen, dass das Fernsehen im Alltag eine große Bedeutung zukommt. Doch nicht nur das. Das Fernsehen strukturiert auch unseren alltäglichen Ablauf und das bereits schon im Kindesalter. Es ist nicht selten, dass das Sandmännchen die Zu-Bett-geh-Zeit markiert oder Freunde von Seifernopern unbedingt um 19.40 Uhr zu Hause sein müssen, den Sender RTL einschalten und das täglich.

Seit 2006 rückt eine weitere Sendung ins Blickfeld – Germany’s Next Topmodel (GNTM). GNTM hat, laut der o.g. Studie einen großen Einfluss auf das Essverhalten von alt und jung. Natürlich vor allem auf junge Mädchen. Doch nicht nur GNTM sondern auch Sendungen wie Extrem schön, Extrem schwer, Das perfekte Dinner, Shopping Queen, The biggest Loser, Lifestylesendungen und Carstingshows gehören dazu und übermitteln, was in unserer Gesellschaft als „schön“ empfunden wird. Doch nicht nur einschlägige Sendungen, sondern auch Plakate, Werbung, Zeitschriften und Magazine zeigen meist (sehr) dünne Menschen.

Doch zurück zur eigentlich Sutdie und GNTM. Erschreckend ist hier, dass mehr als 25% der 7-jährigen manchmal GNTM schauen und bei den 16-jährigen sind es 92%. Durch die Studie wurde eine Korrelation zwischen dem Gedanken zu dick zu sein und dem Schauen der Sendung hergestellt. Zuschauerinnen der Sendung, werden in die missliche Situation gebracht, sich mit den Körpern der Models zu vergleichen und bringen sie zu dem Gedanken „Ich muss abnehmen“. In Kombination mit einem geringen Selbstwertgefühl, einer überkritischen Haltung zu sich selbst, der Idealisierung von dünnen Körpern und einer bestimmten psychischen Grundstruktur sowie genügend Willenskraft und Energie, kann dieser Gedanke zum zentralen Ziel der Lebensgestaltung werden. Hieraus ergibt sich ein Teufelskreis aus Erfolgserlebnissen durch die Abnahme, der anfangs positiven Rückmeldungen vom Umfeld und schlussendlich dem Gefühl nicht mehr aufhören zu können mit der Diät.

Betroffene sagen selbst, dass Medien, insbesondere Fernsehsendungen wie GNTM, einen enormen Anreiz zum Vergleich mit anderen und einer Versteifungen auf die selbstkritische Sicht auf sich selbst bieten. Die Mädchen und Frauen werden zu wahren Beobachtungswundern und überprüfen, wie gut man bestimmte Knochen sehen kann. Wie sehr sie herausstehen. Wie dick sind eigentlich die Arme und Beine? Hat das Model ein Thighgap?

Durch die „Model-Mutter“ Heidi Klum, wird das Bild der Power-Frau vorgelebt. Sie kann und schafft einfach alles. Das vermittelt den zuschauenden Mädchen und Frauen unterbewusst, dass Gefühl „Wenn du schlank und schön bist, kannst du alles schaffen!“ Dieser unheimliche Druck und das abweichende Verständnis von „Normalgewicht“ sowie äußerst Komplexe Hintergründe, können zu einer tiefgreifenden Veränderung im Essverhalten führen.

Die Ausnahmeerscheinungen von Frauen die in den Formaten zu sehen sind, führen zu einer Verschiebung des Verständnisses von „normal“. Es wird eine Mindestkörpergröße von 176cm gefordert, bei einer Kleidergröße von maximal 36. Diesen Modelmaßen kann jedoch ca. eine Frau von 40000 entsprechen.

Jedoch bleibt immer zu beachten, dass die Hintergründe von Essstörungen außerordentlich Komplex sind. Allein das Sehen einer solchen Sendung kann kein gestörtes Essverhalten hervorrufen. Jedoch wird in der Studie sichtbar, wie wichtig das Erlernen von Medienkompetenz ist, gesondert aber der Umgang mit solch Formaten wie GNTM. Es sollte immer bedacht werden, dass Lebensglück, Erfolg und Attraktivität nicht mit „Dünnsein“ gekoppelt sind. Es ist wichtig sich nicht nur über die Gefahren von Übergewicht zu informieren, sondern auch von Untergewicht. Die in den Sendungen gezeigten Problemlösungswege sind meist nicht adäquat und sollten dringend hinterfragt werden.

Wie bereits deutlich gemacht, Medienschönheiten sind absolute Ausnahmeerscheinungen und leben in mit gesonderten Regeln in einer Spezialwelt. Es geht nicht darum Individuen bei ihrem Wunsch Model zu werden zu fördern, sondern es geht nur um eine gute Show mit hohen Einschaltquoten. Somit gilt auch zu Bedenken: Es ist keine Realität die dort gezeigt wird! Einige Szenen werden sicher mehrmals wiederholt oder teilweise geskriptet. Oder wie soll sonst die Kamera gerade in der Situation die richtige Perspektive eingenommen haben?

Außerdem ist es wichtig die Wirkung von GNTM auf sich selbst zu durchschauen. Habe ich einen anderen Blick auf mich selbst, wenn ich die Sendung gesehen habe?

Und ganz wichtig… Die Sendung fordert von den Kandidatinnen ein hohes Maß an Anpassung und Gefügigkeit. Möchten wir nicht lieber alle individuell sein?

Hier noch mal der Link: http://www.br-online.de/jugend/izi/deutsch/publikation/Fernsehen_Essstoerungen/Warum_seh_ich_nicht_so_aus.pdf

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